Impressionen Projekt „Musikwerkstatt TICs“

Musizieren, Singen, Texten und Tanzen im Takt der TICs

Termin: 01.09.17 – 03.09.17
Veranstaltungsort: Jugendherberge in 61348 Bad Homburg
Termin: 27.10.17 – 29.10.17
Veranstaltungsort: Neckarstudio 71686 Remseck bei Ludwigsburg

Man nehme sechzehn Betroffene mit Tourette-Syndrom, darunter zwei Profis – heraus kommt ein kraftvoller Song „Sei laut“

Schon am frühen Nachmittag des 01.09.17 reisten die ersten in der Jugendherberge in Bad Homburg an.
Vor dem Abendessen starteten wir mit einer kleinen Kennlernrunde und konnten erfragen, mit welchen Erwartungen die Teilnehmer angereist sind. Die meisten wollten erfahren, ob sich das Musizieren, in welcher Form auch immer, positiv auf die Tic-Intensität auswirkt.

Nach dem Abendessen traf sich die Gruppe erneut im Gruppenraum. Unsere Musiker stellten die vorhandenen und mitgebrachten Instrumente vor: E-Piano, Gitarren, Charango, Perkussion-Instrumente wie z. B. Cajones, Bongo und Kastagnetten. Neugierig versuchten sich die Teilnehmer an den Instrumenten, manche leise und vorsichtig, andere energisch und laut.

Die Jugendherberge in Bad Homburg ist auf Musikgruppen spezialisiert. Die Gruppenräume sind super schallisoliert, so dass sich tatsächlich jeder austoben konnte. Gegen 22 Uhr wollte die Gruppe unbedingt noch die Karaoke-Anlage testen und so klang der Abend gemütlich mit Gesang und Erfahrungsaustausch aus.

Am Samstag starteten alle pünktlich um 8 Uhr mit einem leckeren Frühstück in den Tag. Am Vormittag haben wir begonnen, einen gemeinsamen Song zu entwickeln.
Der Anfang ist oft das Schwerste. Zunächst haben alle überlegt, welches Thema unser Song zum Inhalt haben sollte, was bewegt uns an diesem Wochenende, welche Botschaft wollen wir transportieren. Dazu wurden Stichpunkte gesammelt.
Je nach Lust und Kreativität konnten die Teilnehmer entweder mit dem Musiker Ben Jürgens anhand der kreativen Liederschreib-Methoden, die er erklärte, einen Songtext entwickeln oder mit dem Musiker Jean-Marc Lorber die Akkorde erarbeiten. Um auf den Cajones sicher Rhythmen schlagen zu können, bedarf es schon einiger Übung.
Beide Gruppen war so leidenschaftlich dabei, dass wir nach dem Mittagessen bereits versucht haben, den Textentwurf und die Melodie zusammenzubringen. Das war eine besonders intensive und kreative Phase. Der Klang der Akkorde wurde vielfach getestet, der Text immer wieder optimiert, bis wir uns sicher waren, jetzt passt alles super.

Nach dem Abendessen haben wir emsig den Song gesungen, um Routine für die Aufnahme am nächsten Tag zu bekommen. Verborgene Talente haben wir beim Karaoke-Abend am Mikrofon entdeckt. Wirklich jeder fand einen oder mehrere Songs, die er präsentieren wollte, so haben alle mitgesungen und hatten viel Spaß.

Am Sonntagmorgen ging es mit dem Programm um 9 Uhr weiter. Der Song wurde weiter einstudiert und kurz vor dem Mittagessen konnten wir zwei Aufnahmen mit einem Hochleistungsmikrofon starten. Wir konnten zu Recht stolz auf uns und das Ergebnis sein. Während unseres Aufenthaltes in der Jugendherberge Bad Homburg war auch eine große Gruppe des LKMF Hessen e.V. im Haus. LKMF steht für Landesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien.

Die Begegnungen und Gespräche mit den Teilnehmern des Landesverbandes waren für uns sehr bereichernd. Von unserer Musik fühlten sich einige Teilnehmer sehr angezogen, so ergab es sich, dass zu unserem Karaoke-Abend auch junge kleinwüchsige Menschen teilnahmen.
Kleinwüchsige Menschen werden in der Öffentlichkeit ebenso angestarrt wie Menschen mit Tourette Syndrom, die Ursachen der Wachstumsstörung sind nur teilweise bekannt und die Behandlungen daher meistens aussichtlos. Es gab also viele Parallelen in der Selbsthilfearbeit.
Zitat Karin Hoffmann, LKMF Hessen e.V.: „auch für unsere Gruppe war das Zusammentreffen mit Ihrer Selbsthilfegruppe ein tolles und bereicherndes Erlebnis. Ich gebe das Kompliment zurück. In vielfältiger Art und Weise wurden an diesem Wochenende Grenzen überwunden… eine kleine inklusive Gesellschaft, die ihren Namen wirklich verdient.“

Ende Oktober traf sich die Gruppe erneut, dieses Mal um den Song im Studio professionell aufzunehmen. Mit dabei war ein Drehteam von Spiegel-TV.

Zusammenfassend können wir sagen, dass dieses Projekt ein sehr schönes Erlebnis für alle Teilnehmer war. Jeder konnte seine Kreativität umsetzen. Ein solches Programm kann sehr viel leisten, die Teilnehmer können Spaß haben, einander kennenlernen, Erfahrungen austauschen, etwas Gemeinsames entwickeln: für Betroffene sehr wichtig und spannend. Auffällig war tatsächlich, dass während des Musizierens an den Instrumenten bzw. beim Singen die Betroffenen keine Tics hatten. Musik kann also eine Option sein, die Tics für eine gewisse Zeit zu mindern und nebenbei fördert Musik auf eine besonders leichte und natürliche Weise die Gemeinschaft zwischen uns Menschen.

In diesem Sinne beendeten wir zwei sehr intensive, schöne und erfolgreiche Projekttage.

Unseren besonderen Dank möchten wir dem AOK Bundesverband aussprechen. Dank der sehr großzügigen Projektförderung konnten wir dieses Projekt durchführen.

Sei laut