Schule

Für Lehrkräfte sind Kinder mit Tics oft eine große Herausforderung, besonders in immer größer werdenden Klassen und zunehmend auffälligen Kindern. Trotzdem müssen die straffen Lehrpläne eingehalten werden, so dass oft die Zeit fehlt, sich intensiv um ein bestimmtes Kind zu kümmern.
Wir wissen, auf Lehrer kommen täglich viele unterschiedliche Aufgaben zu – für viele sind sie gar nicht ausgebildet. Was sollen sie noch alles tun? Hier sind noch nicht einmal die kleinen alltäglichen Dinge genannt. Die Gesellschaft findet es ganz selbstverständlich: Lehrer können (fast) alles.

Lehrer kommen im täglichen Geschäft sehr schnell an ihre Grenzen. Aus unserer Erfahrung ist den meisten Lehrern das Krankheitsbild Tourette fremd. In der Lehreraus- und fortbildung wird das Krankheitsbild nicht oder noch nicht ausreichend thematisiert.

@ bludesign - fotolia.com

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Die Lehrer sind somit zunächst ebenso hilflos wie die Eltern und die Kinder, solange diese keine offizielle Diagnose haben. Deshalb sind Lehrer auf die Unterstützung und Zusammenarbeit mit den Eltern, Kindern und außerschulischen Einrichtungen und/oder Organisationen angewiesen.

Betroffene Kinder sind oft Gesprächsgegenstand im Lehrerzimmer. Mag eine Lehrerin oder ein Lehrer auch noch so engagiert sein, so ist es oft nicht einfach, sich in einem heterogenen Kollegium für ein solches Kind einzusetzen.

Aus Unwissenheit interpretieren Lehrkräfte das Verhalten der Kinder psychosomatisch, obwohl heute bekannt ist, dass es sich um eine neuro-psychiatrische Erkrankung des Gehirns handelt.

Nachfolgende Interpretationen sind deshalb keine Seltenheit:

  • Das Kind möchte nur Aufmerksamkeit erhalten.
  • Das Kind ist nicht krank, weil es für einige Stunden auch unauffällig sein kann.
  • Das Kind ticct, weil sich die Eltern getrennt haben oder Partnerschaftskonflikte vorliegen.
  • Das Kind stört den Unterricht absichtlich durch motorische und/oder vokale Tics.
  • Das Kind ist auffällig, da Erziehungsdefizite im Elternhaus vorliegen.

Der Klassenlehrer des betroffenen Kindes hat  eine Schlüsselposition zur Lösung des Problems Tics und Schule inne.

Eine gute Lösung ist der “runde Tisch”, der natürlich auch seine Grenzen hat. Es ist klar, dass ein runder Tisch mit Klassenkollegium, Schulleitung, Arzt, Therapeuten und Eltern nicht ständig stattfinden kann, dazu sind alle zeitlich zu stark eingebunden. Aber in sehr schwierigen Situationen ist er eine gute Möglichkeit, die Beteiligten zusammenzuführen.
Der Zeitaufwand ist geringer als bei mehreren Einzelgesprächen, lohnt sich also.

Der runde Tisch kann sehr viel für die Betroffenen leisten. Vieles wird vor allem für die Lehrkräfte, die das erste Mal mit dieser Erkrankung konfrontiert werden, deutlicher. Auf diesem Wege kann Verständnis, Vertrauen und Zusammenarbeit entstehen.

Besprechen Sie in dieser Runde auch die Anwendung des Nachteilsausgleiches als eine sinnvolle  Maßnahme, um den betroffenen Kindern den Unterricht zu erleichtern.

Die Rechtsgrundlage für den Nachteilsausgleich stammt aus der Sonderpädagogik und lässt sich im schulischen Alltag auf Legastheniker und auf Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen aber auch auf Kinder mit Tics anwenden. Über Art und Umfang des Nachteilausgleiches entscheidet der Schulleiter in Absprache mit den unterrichtenden Lehrkräften.

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mehr Informationen zum Nachteilsausgleich

Die richtigen Lern- und Arbeitsbedingungen sind deshalb für Kinder mit Tics der Schlüssel zum Erfolg. Sie können ihre wahre Leistungsfähigkeit beweisen, wenn Lehrer ihnen diese Bedingungen schaffen.

Der Umgang mit den Tics im Unterricht muss von der gesamten Klasse erarbeitet werden, um auch den übrigen Kindern in der Klasse gerecht zu werden. (z.B. den Klassenraum für kurze Zeit verlassen, wenn die Tics zu heftig und störend werden, ignorieren der milden Tics)

Die Kinder in der Klasse werden diese neuen Regeln und Angebote sehr schnell akzeptieren, wenn der Klassenlehrer mit ihnen über das Krankheitsbild und die Gründe für die Sonderrechte spricht. Die betroffenen Kinder werden sehr schnell spüren, wie ein harmonisches Schulklima ihre Symptomatik positiv beeinflussen kann.

Der Weg eines Kindes mit Tics bis zum Schulabschluss ist oft steinig und mit viel Leid verbunden. So manches Kind wurde bereits auf eine Sonderschule abgeschoben oder als schulunfähig abgestempelt.

Auch wenn vieles schwierig ist, geben Sie nicht auf, denn diese Kinder sind intelligent, liebenswert und hilfsbereit. Sie sind durch ihre Spontaneität und ihren Frohsinn eine Bereicherung. Wenn man ihnen den nötigen Freiraum lässt, sind sie kreativ und einfachsreich und leisten oft mehr als ihnen zugetraut wird.

Das offene Gespräch ist der Schlüssel zum Erfolg – ein Gespräch, in dem die Position des anderen wahrgenommen und akzeptiert wird.