Filmrezension: „Verflucht normal“ – bewegend, eindrucksvoll und Anlass zum Gespräch

Mit „Verflucht normal“ kommt erstmals seit langer Zeit wieder ein Kinofilm auf die große Leinwand, der das Tourette-Syndrom ins Zentrum seiner Geschichte stellt. Der Film basiert auf dem Leben des Briten John Davidson und begleitet seinen oft steinigen Weg durch eine Gesellschaft, die seine Symptome kaum versteht und häufig mit Ablehnung reagiert.

Aus unserer Sicht ist „Verflucht normal“ ein schauspielerisch überzeugender und emotional sehr eindrucksvoller Film. Die Hauptfigur wird glaubwürdig dargestellt, die Belastungen durch die Erkrankung werden nachvollziehbar vermittelt und viele Szenen gehen spürbar unter die Haut. Besonders hervorzuheben ist, dass der Film deutlich mehr Informationen über das Tourette-Syndrom vermittelt als frühere Filmproduktionen zu diesem Thema.

Viele Besucherinnen und Besucher beschrieben den Film als „bewegend“, „erschütternd“ und „wichtig“. Zahlreiche Betroffene und Angehörige berichteten, dass sie sich in Teilen der Geschichte wiederfinden konnten. Andere äußerten jedoch auch Sorgen, dass die gezeigte Symptomatik bei Menschen ohne Vorwissen einen falschen Eindruck vom Tourette-Syndrom hinterlassen könnte.

Diese Diskussion halten wir für wichtig.

Der Film zeigt eine sehr ausgeprägte Form des Tourette-Syndroms. Die dargestellten Symptome gehören nicht zu dem Bild, das die Mehrheit der Betroffenen im Alltag erlebt. Gleichzeitig basiert die Geschichte auf einer realen Person. Der Film erzählt also keine erfundene Extremversion, sondern das Leben eines Menschen, der tatsächlich mit einer außergewöhnlich schweren Symptomatik konfrontiert war.

Bei der Einordnung hilft aus unserer Sicht ein Blick auf die Zeit, in der die Handlung spielt. Die Geschichte beginnt in den 1980er-Jahren – einer Epoche, in der Wissen über das Tourette-Syndrom deutlich geringer verbreitet war als heute. Viele der gezeigten Reaktionen von Mitmenschen, Lehrkräften, Behörden oder medizinischem Personal spiegeln diese damalige Realität wider. Die heutige Situation ist zwar keineswegs frei von Vorurteilen, aber die Aufklärung hat seitdem erhebliche Fortschritte gemacht.

Ein weiterer Aspekt beschäftigt uns als Selbsthilfeorganisation besonders: Während der Corona-Pandemie wurde das öffentliche Bild des Tourette-Syndroms durch soziale Medien teilweise massiv verzerrt. Damals standen vor allem Personen mit funktionellen Bewegungsstörungen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Extreme Verhaltensweisen wie das Werfen von Gegenständen, situationsabhängige Beschimpfungen oder spektakuläre Ausbrüche wurden millionenfach geklickt, kommentiert und oft sogar gefeiert. Viele Zuschauer hielten solche Darstellungen für typisch für Tourette, obwohl sie nicht das Bild der Betroffenen widerspiegeln.

Vor diesem Hintergrund erscheint es umso wichtiger, „Verflucht normal“ differenziert zu betrachten. Der Film zeigt eine schwere Ausprägung einer neurologischen Erkrankung und in unserer Wahrnehmung auch Symptome, die an funktionelle Bewegungsstörungen erinnern können. Er erhebt jedoch nicht den Anspruch, die Lebensrealität aller Menschen mit Tourette abzubilden.

Besonders wertvoll finden wir die zentrale Botschaft des Films. Im Kern erzählt er nicht nur von Tics, Zwängen und Ausgrenzung. Er erzählt von Menschen, die an jemanden glauben. Von Menschen, die nicht wegsehen, sondern bleiben. Von Unterstützung, Akzeptanz und Vertrauen.

Gerade die Figur Dottie macht deutlich, welchen Unterschied Verständnis und echte Zuwendung im Leben eines Betroffenen machen können. Diese Botschaft zieht sich durch den gesamten Film und dürfte viele Zuschauer noch lange nach dem Kinobesuch begleiten.

Der InteressenVerband Tic & Tourette Syndrom e.V. (IVTS) und die Tourette-Gesellschaft Deutschland e.V. (TGD) haben gemeinsam mit ehrenamtlichen Mitstreitern mehrere Kinovorführungen mit der Aktion „Frag uns zu Tourette“ begleitet, unter anderem in Nürnberg, Hamburg, Dortmund, Stuttgart und Hannover.

Ziel war es, Fragen zu beantworten, Vorurteile abzubauen und den Film in den aktuellen Wissensstand über das Tourette-Syndrom einzuordnen.

Unser Fazit:

„Verflucht normal“ ist kein leichter Film. Er ist emotional, teilweise schmerzhaft und zeigt die harten Seiten einer schweren Erkrankung. Gerade deshalb regt er zum Nachdenken an. Wer ihn sieht, sollte sich bewusst sein, dass die dargestellte Symptomatik nicht für alle Menschen mit Tourette steht.

Wer dies berücksichtigt, erlebt einen eindrucksvollen Film über Ausgrenzung, Menschlichkeit, Hoffnung und die Bedeutung von Menschen, die trotz aller Schwierigkeiten an einen glauben.

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft dieses Films.