Ein zwölfjähriges Mädchen mit Tourette-Syndrom braucht einen neuen Schulplatz. Gemeinsam mit seiner Familie hat der IVTS in den vergangenen Wochen zahlreiche Schulen kontaktiert. Elf Schulen wurden angefragt. Die Suche nach einem tragfähigen Schulplatz erwies sich als außerordentlich schwierig.
Einige Schulen waren bereits vollständig belegt. Andere sahen aufgrund ihrer Schulform, ihrer Leistungsanforderungen oder ihrer personellen und pädagogischen Möglichkeiten keine geeigneten Voraussetzungen. Solche Gründe müssen wir ernst nehmen. Nicht jede Schule kann jedes Kind aufnehmen, und nicht jede Schulform passt zu jedem Kind.
Andere Rückmeldungen haben uns jedoch nachdenklich gemacht. Es wurde beispielsweise mitgeteilt, dass man sich die mit einer Aufnahme verbundenen Herausforderungen nicht zutraue oder dass ein Kollegium zu der Einschätzung gekommen sei, diesen nicht gewachsen zu sein. Teilweise wurde eine solche Einschätzung getroffen, ohne das Mädchen zuvor persönlich kennengelernt zu haben.
Genau hier beginnt für uns eine wichtige Frage: Welches Bild haben wir eigentlich von einem Kind, wenn wir die Diagnose „Tourette-Syndrom“ hören?
Das Mädchen hat motorische und vokale Tics. Sie sind sichtbar und hörbar. Sie hat keine Koprolalie, also kein unwillkürliches Äußern obszöner oder beleidigender Wörter. Dass wir das ausdrücklich erwähnen, zeigt bereits ein Problem.
Denn Tourette wird in der öffentlichen Wahrnehmung häufig mit besonders auffälligen Symptomen verbunden. Gerade die Koprolalie ist wesentlich bekannter als viele andere mögliche Tics.
Das Tourette-Syndrom ist jedoch sehr vielfältig ausgeprägt. Zwei Menschen mit derselben Diagnose können im Alltag ganz unterschiedliche Symptome und Bedürfnisse haben. Deshalb lässt sich aus der Diagnose allein nicht ableiten, wie sich ein Kind im Unterricht verhält, welche Unterstützung es benötigt oder welche schulischen Leistungen es erbringen kann.
Dieser Punkt ist uns besonders wichtig: Das Tourette-Syndrom ist nicht gleichbedeutend mit einer Intelligenzminderung.
Kinder mit Tourette können, abhängig von ihren individuellen Voraussetzungen und möglichen zusätzlichen Beeinträchtigungen, grundsätzlich dieselben Bildungswege einschlagen wie andere Kinder. Ob ein besonderer Förderbedarf besteht, muss deshalb individuell betrachtet werden.
Tics allein sind kein Grund, ein Kind einer Förderschule zuzuordnen.
Tics sind unwillkürliche Bewegungen oder Lautäußerungen. Sie können im Unterricht auffallen. Sie können Mitschülerinnen und Mitschüler irritieren, insbesondere wenn diese nicht wissen, was Tics sind. Aber sie sind weder absichtliche Störungen noch Provokationen oder schlechtes Benehmen. Und genau hier kann Aufklärung einen enormen Unterschied machen.
Die Situation des Mädchens ist komplexer als die Diagnose Tourette. Sie hat zuletzt die 5. Klasse besucht. Aufgrund mehrerer Klinikaufenthalte konnte sie über längere Zeit nicht kontinuierlich am Unterricht teilnehmen. Dadurch sind Lernlücken entstanden. Hinzu kommen belastende Mobbingerfahrungen aus ihrer bisherigen Schulzeit. Die Familie sucht deshalb nicht einfach irgendeinen Schulplatz.
Gesucht wird ein schulischer Ort, an dem das Mädchen Lernstoff aufholen, wieder Sicherheit gewinnen und Vertrauen in Schule entwickeln kann. Ein geschützter schulischer Neuanfang.
Der IVTS hat den angefragten Schulen deshalb angeboten, diesen Weg zu begleiten, über Tourette und Tic-Störungen aufzuklären und bei Fragen zum Umgang mit Tics im Schulalltag zur Verfügung zu stehen.
Wir wissen aus unserer Arbeit, dass Tourette bei Menschen, die bisher wenig damit zu tun hatten, Unsicherheit auslösen kann. Das ist zunächst verständlich. Keine Lehrkraft muss Spezialistin oder Spezialist für Tourette sein.
Problematisch wird Unsicherheit jedoch dann, wenn aus der Diagnose bereits Vorstellungen darüber entstehen, wie schwierig ein Kind vermutlich sein wird – bevor man dieses Kind überhaupt kennengelernt hat. Denn dann besteht die Gefahr, dass nicht mehr der individuelle Mensch betrachtet wird, sondern ein Bild von Tourette. Gerade deshalb wünschen wir uns von Schulen einen ersten, eigentlich ganz einfachen Schritt: Lernen Sie das Kind kennen. Sprechen Sie mit ihm und seinen Eltern. Fragen Sie, welche Tics tatsächlich auftreten. Fragen Sie, was das Kind gut kann. Fragen Sie, wo es Unterstützung benötigt. Und fragen Sie Fachleute oder Selbsthilfeorganisationen, wenn Sie Tourette nicht kennen. Erst danach sollte beurteilt werden, was möglich ist und wo tatsächlich Grenzen bestehen.
Der schulische Umgang mit Tourette muss nicht kompliziert sein. Welche Maßnahmen sinnvoll sind, hängt immer vom einzelnen Kind ab. Manchmal können bereits Aufklärung und ein selbstverständlicher Umgang mit den Tics viel bewirken. In anderen Fällen können individuelle Absprachen oder ein Nachteilsausgleich erforderlich sein. Ein Kind kann beispielsweise davon profitieren, den Unterricht kurz verlassen zu dürfen, wenn die Tics sehr stark werden. Bei Leistungsnachweisen können, sofern die Voraussetzungen vorliegen, angepasste Bedingungen notwendig sein. Entscheidend ist nicht, möglichst viele Sonderregelungen zu schaffen.
Entscheidend ist, Barrieren zu erkennen, die ein Kind aufgrund seiner Tics daran hindern, seine tatsächlichen Fähigkeiten zu zeigen.
Manche Kinder und Jugendlichen können ihre Tics für eine gewisse Zeit unterdrücken oder zurückhalten. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Tics willentlich abgestellt werden können. Das Unterdrücken kann erhebliche Konzentration und Kraft kosten. Ein Kind, das einen großen Teil seiner Aufmerksamkeit darauf verwendet, im Unterricht möglichst nicht aufzufallen, hat diese Aufmerksamkeit nicht gleichzeitig zum Lernen zur Verfügung. Deshalb sollte das Ziel nicht lauten:
„Wie schaffen wir es, dass niemand die Tics bemerkt?“
Sondern: „Wie schaffen wir eine Umgebung, in der dieses Kind trotz seiner Tics gut lernen kann?“
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Bei all den organisatorischen und pädagogischen Fragen dürfen wir eines nicht vergessen: Hier geht es um ein zwölfjähriges Mädchen. Ein Kind bekommt mit, wenn Erwachsene darüber sprechen, ob eine Schule sich seine Besonderheiten „zutraut“. Es erlebt, wenn eine Anfrage nach der anderen erfolglos bleibt. Wir sollten deshalb sehr aufmerksam darauf achten, welche Botschaft bei einem Kind ankommt.
Nicht: „Ich bin zu schwierig für eine normale Schule.“
Sondern: „Ich lerne vielleicht anders. Ich habe Tics. Vielleicht brauche ich an manchen Stellen Unterstützung. Aber ich gehöre dazu.“
Wir erwarten nicht, dass jede Schule jedes Kind aufnehmen kann. Wir wünschen uns aber, dass die Diagnose Tourette nicht die Entscheidung vorwegnimmt.
Wenn sich ein Kind mit Tic-Störung oder Tourette-Syndrom an Ihrer Schule vorstellt:
Lernen Sie zuerst das Kind kennen. Beurteilen Sie seinen tatsächlichen Unterstützungsbedarf und nicht einen vermuteten. Informieren Sie sich über Tourette. Prüfen Sie Möglichkeiten des Nachteilsausgleichs. Sprechen Sie mit den Eltern. Und holen Sie sich Unterstützung, wenn Sie unsicher sind.
Der IVTS steht Schulen und Lehrkräften dafür ausdrücklich zur Verfügung. Denn Inklusion und Teilhabe bedeuten nicht, dass es niemals Schwierigkeiten geben darf.
Sie bedeuten, gemeinsam zu prüfen, was ein Kind braucht, damit Lernen und Zugehörigkeit möglich werden. Und manchmal beginnt das mit einem einzigen Satz:
„Komm erst einmal vorbei. Wir möchten dich kennenlernen.“
Der InteressenVerband Tic & Tourette Syndrom (IVTS) e. V. unterstützt Schulen, Lehrkräfte, Betroffene und Angehörige bei Fragen zu Tic-Störungen und Tourette-Syndrom, zum Umgang mit Tics im Schulalltag und zu Möglichkeiten eines individuellen Nachteilsausgleichs.
Sprechen Sie uns an. Unsicherheit lässt sich durch Wissen verändern.
