Impressionen Ferienfreizeit „Sommerwind“ 2018

Termin: 30. Juli bis 3. August 2018
Veranstaltungsort: Vergratanes Wirtshaus in Bad Wildbad

Selbstverantwortung entwickeln, ein Austausch unter Betroffenen und ein paar Abenteuer erleben: Das war die zweite Ferienfreizeit „Sommerwind“ für Jugendliche ab 15 Jahren, die wie im Jahr zuvor am Veranstaltungsort „Vergratanes Wirtshaus in Bad Wildbad“ stattfand. Gastgeber war der „Interessenverband Tic & Tourette Syndrom e.V.“ Durch das pädagogische Programm führte Jochen Braun vom „N.E.W. Institut Mainz“.

Gemeinsames Kochen ist Teamarbeit

Das Vergratane Wirtshaus in Bad Wildbad ist ein Selbstversorgerhaus. Und so steht auch die kulinarische Versorgung bei der Ferienfreizeit „Sommerwind“ ganz im Zeichen der Eigenverantwortung. Gemeinsam kochen: Das ist eine Herausforderung, die für manchen Teilnehmer neu ist. Und das ist eine Aufgabe, die die Teamarbeit fördert und auch etwas Vorbereitung benötigt. Und so gab es nach der Ankunft und dem Check-In erst einmal die kulinarische Planung. Ganz demokratisch wurde über die Essenswünsche diskutiert und abgestimmt. Dann folgte der gemeinsame Einkauf der Zutaten. Das gemeinsame Kochen stand unter dem Kontext des Teambuildings und des Kennenlernens. Und eine Mahlzeit, die man sich selbst zubereitet hat, schmeckt natürlich ganz besonders gut.

 

Ein Abend am Lagerfeuer

„Nie mehr allein mit Tics“, so lautet das Motto des gastgebenden Vereins „Interessenverband Tic & Tourette Syndrom e.V.“ Und genau dieser Zielsetzung folgte auch der Abend am Lagerfeuer. Menschen mit Tic-Störung oder Tourette Syndrom verstehen sich nicht selten als Außenseiter und sehen sich isoliert mit ihrer Erkrankung konfrontiert, wenn Sie niemanden haben, mit dem sie eigene Erfahrungen, Ängste und Träume teilen können. Das gemeinsame Lagerfeuer war ein geselliger Anlass, sich einmal über die eigene Leidensgeschichte und die persönlichen Tricks und Werkzeuge zum Umgang mit den Tics zu unterhalten.

Erlebnispädagogische Spiele: Gruppendynamik und Selbstvertrauen

Am Dienstag standen nach dem Frühstück und der damit verbundenen Vorbereitung erlebnispädagogische Spiele auf dem Programm. Bei der Seilkonzentration, dem Stierkampf und dem Seilvertrauen ging es nicht nur darum, die Jugendlichen zu unterhalten. Hier wurden Aufgaben gestellt, die nur über gegenseitiges Vertrauen der Teilnehmer gelöst werden konnten. Jedes Gruppenmitglied bringt seine eigenen Stärken mit ein und wird zum Sidekick des anderen. Neben dem Vertrauen in die Gruppe wird auf diese Weise auch das Selbstvertrauen gestärkt. Und die Entwicklung des persönlichen Selbstvertrauens ist auch ein ganz wichtiger Punkt im Leben eines jeden Tourette-Betroffenen.

Besuch von „Tourette-Promis“ und ein Zwischenfall

Das eigene Leben zu meistern ist niemals eine gänzlich planbare Sache. Vor allem ein Leben mit Tourette-Syndrom ist oft voller Überraschungen. Aber im Menschen mit Tourette stecken im Gegenzug auch oft unerwartete Potentiale, sich auf neue Situationen schnell einzustellen, da entwickeln sich nicht selten starke Improvisationstalente und eine unerwartete Kreativität. Auch auf der Ferienfreizeit Sommerwind sollte es am zweiten Tag eine unerwartete Überraschung geben. Ein Teilnehmer der Freizeit musste die Veranstaltung unter Einwirken der Polizei plötzlich verlassen. Die Gründe hierfür lagen außerhalb der Ferienfreizeit, waren aber im Anschluss ein willkommener Anlass für die Gruppe, die unerwartete Situation zu verarbeiten und zu diskutieren.

Am Dienstag bekam die Gruppe auch Besuch von Jean-Marc Lorber und Michael Arnold. Musiker und schon zwei regelrechte „Tourette-Promis“, bekannt aus zahlreichen Auftritten bei Musikveranstaltungen und auch im Fernsehen. Und der beste Beweis dafür, dass auch Menschen mit Tics und Tourette-Syndrom ein erfolgreiches und interessantes Leben führen können. Gerade für Jugendliche an der Schwelle des Erwachsenenlebens ist es immer wieder ein positiver Gedanke, sich an erfolgreichen Vorbildern orientieren zu können.

Erlebnisse im Bach

Es kann sehr wichtig für junge Menschen sein, echte Erfolgserlebnisse zu erfahren. Der Alltag und das Leben in der Schule bieten manchmal viel zu wenig davon. Und so ging es am Nachmittag mitten durch den Bach. Hier konnten die Gruppenteilnehmer die Fische des Gewässers hautnah und sinnlich erleben und gemeinsam einen Staudamm bauen und auch noch eine Runde im Bach schwimmen gehen. Das gemeinsame Lagerfeuer am Abend hatte auch sein erlebnispädagogisches Element: Denn das Lagerfeuer wurde ohne Feuerzeug entzündet. Hier wurden dann auch die Pizzas gebacken und die Gruppe hatte die gemeinschaftliche Aufsicht darüber, dass keine Pizza anbrannte. Was letztendlich auch gelang.

 

Die individuellen Quellen der Kraft

Nach dem gemeinsam vorbereiteten Frühstück wurden Jean-Marc Lorber und Michael Arnold auch leider schon wieder verabschiedet. Und dann ging es zur Waldwanderung mit Solo-Zeit. Während bei den vorigen Aufgaben die Bildung einer Gruppe im Mittelpunkt stand, war diesmal das Ziel, ein Gefühl für die eigenen Kräfte zu entwickeln. In jedem Einzelnen von uns stecken ungeahnte Stärken und es ist gut, diese zu kennen und zu nutzen. Und so wurde so mancher Hügel im Wald nicht nur sprichwörtlich erklommen. Anschließend fand wiederum in der Gruppe eine Reflexion über die Solo-Aufgabe statt. Die Gruppendynamik kam wiederum im darauffolgenden Volleyball-Spiel zur Geltung. Anschließend wurde wieder gemeinsam das Abendessen zubereitet und zur Entspannung gab es noch eine Massagerunde.

Der kreative Donnerstag

Nach dem gemeinsamen Frühstück stellte sich wieder eine Gruppenaufgabe: Die Stackline ist ein breites Band, was zwischen den Bäumen gespannt wird und der Gruppe so manche interessante Herausforderung bietet. Und dann gab es eine erneute Bachwanderung, diesmal mit Duschenbau. Hier kam die kreative Ader der Teilnehmer voll zum Einsatz. Es ist immer wieder erstaunlich, über welche kreative Potentiale Menschen mit Tics oder Tourette-Syndrom verfügen. Und es ist gut zu wissen, was alles erreicht werden kann, wenn dieses Talent eingesetzt wird. Nach dem Lagerfeuer und dem selbst zubereiteten Abendessen gab es einen Lichterlauf. Die Nacht wurde diesmal im Freien verbracht. Hier konnten die Teilnehmer ihre Ängste überwinden und die Natur der Nacht kennen lernen. Ein einzigartiges Erlebnis, das heutzutage nicht vielen Menschen gegönnt ist.

Die große Abschlussrunde

Am Freitag fand nach dem Frühstück auch schon die große Abschlussrunde statt. Dieses Feedback gibt nicht nur den Veranstaltern und den pädagogischen Kräften eine wichtige Rückmeldung. Auch für die Teilnehmer selbst ist das nochmals eine interessante Reflexion über die Erfahrungen, Gedanken und erreichten Ziele, die mit einer solchen erlebnispädagogischen Freizeit in Verbindung stehen. Die Adressen und einige gegenseitige Wünsche wurden ausgetauscht und mit etwas Glück trifft man sich im kommenden Jahr dann wieder.

Verfasser: Andreas Mettler

Das Projekt wird im Rahmen der Förderung der Bundesorganisationen der Selbsthilfe durch die BARMER Krankenkasse unterstützt.


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