Projekt „Musikwerkstatt TICs“ Oktober 2018

Musizieren, Singen, Texten und Tanzen im Takt der TICs
Titel: Die Koboldperspektive

Donnerstag 25.10.2018 bis Sonntag 28.10.2018 in der Jugendherberge Bad Homburg

Menschen mit Tics und mit Tourette-Syndrom können sehr impulsiv-kreative Menschen sein. Das hatte bereits die Musikwerkstatt 2017 bewiesen: Mit der ironischen Tourette-Hymne „Sei laut!“ wurde ein Song präsentiert, der viele Aspekte des Lebens mit dem Tourette-Syndrom und mit Tics kreativ auf den Punkt bringt. Dieses erstaunliche Ergebnis drängte geradezu nach einer Fortsetzung. Und so war für das verlängerte Wochenende vom Donnerstag, den 25.10.2018 bis Sonntag, den 28.10.2018 eine neue Musikwerkstatt, wiederum in der Jugendherberge in Bad-Homburg angesetzt. Neben betroffenen Musikern bekam die Gruppe diesmal Unterstützung von den Musikern Torsten Berg und Mark Schwarzmayr.

„Hello Again!“

Nach dem Check-In in der Jugendherberge Bad Homburg sollte zunächst eine Kennenlern-Runde stattfinden. Da sich die Teilnehmer allerdings schon gut kannten, wurde das dann zu einem Begegnungs-Update: „Wie geht es Dir nach einem Jahr? Wie haben sich Deine Tics oder Dein Tourette-Syndrom entwickelt? Welche Medikamente nimmst Du, was hast Du abgesetzt?“ Die Workshops des IVTS e.V. sind immer wieder ein sehr wichtiger Austausch und nicht zufällig hat sich der Interessenverband Tic und Tourette Syndrom e.V. das Motto „Nie mehr allein mit Tics“ auf die Fahnen geschrieben.

Die Musik-Coaches stellen sich vor

Nach dem ersten gemeinsamen Abendessen (die Jugendherberge Bad Homburg präsentierte hier bereits eine erstaunliche Vielfalt) lernte die Gruppe die beiden Musik-Coaches Torsten Berg (für den Cajon- und Rhythmus-Workshop) und Mark Schwarzmayr (für die Komposition) kennen. Hierbei konnten die Teilnehmer schon einen ersten Blick auf die Musikinstrumente werfen und den geplanten Ablauf des Workshops kennen lernen. Die Gruppe stellte noch einmal den Song vom Vorjahr („sei laut!“) vor, was auch die beiden Profimusiker nicht unbeeindruckt ließ. Anschließend wurden erste Skizzen für den neuen Song vorgespielt. Die Teilnehmer entschieden sich dafür, einen Reggae-Song zu entwickeln.

Die Kreativgruppe wurde dann auch von der angehenden Musikpädagogin Barbara Sadowski verstärkt, die für ihre Masterarbeit zum Thema „Die Kraft der Musik und Tourette Syndrom“ vielfältige Eindrücke und so manches Interview mit den betroffenen Teilnehmern mit nach Hause nehmen durfte.

Jetzt wird getextet

Nach dem gemeinsamen Frühstück am Freitagvormittag wurden die Teilnehmer kreativ. Es galt, einen Text zur Reggae-Melodie zu finden. Hierzu wurden zunächst spontane Ideen für den Refrain auf die Tafel geschrieben. Das konnten einzelne Stichwörter sein oder komplette Sätze oder auch schon ausgefeilte Reime. Das Stichwort des einen Teilnehmers wurde zur Idee des nächsten und so wurde der kreative Ball immer weiter gereicht. Solange, bis das Grundkonzept für den Song klar sichtbar wurde: Es sollte ein Reggae-Song zum Thema Tourette werden, der aus drei Perspektiven erzählt wird:

1.   Tics aus der Sicht eines Kindes, das den „Kobold im Kopf“ gerade kennen lernt.

2.   Die Situation aus der Sicht der Eltern, die versuchen, der neuen Situation zu begegnen.

3.   Der Refrain aus der Sicht des „Kobolds“ selbst.

Aus den Ideen wurde nun der Refrain ausformuliert. Und schon war auch ein Titel gefunden. Der Song sollte den Namen „Die Kobold-Perspektive“ bekommen.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen wurden die Teilnehmer in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe wollte die erste Strophe des Songs aus der Sicht des Kindes formulieren, die zweite Gruppe erzählte die Geschichte aus der Perspektive der Eltern. Als die Teilnehmer wieder zusammenkamen und beide Elemente des Songs vorgetragen wurden, war es fast unglaublich festzustellen, wie gut beide Strophen zusammenpassten. War das wieder einmal diese ganz spezielle Gruppendynamik von Menschen mit Tourette-Syndrom oder war das nicht fast schon eine Gedankenübertragung?

Nun wurden die beiden Strophen gesungen. Und die Teilnehmer konnten feststellen, dass da auch einige recht komplexe Textpassagen auf die Reggae-Rhythmen geschrieben worden waren. Doch mit jeder neuen Übung klappte das besser.

Der Karaoke-Abend

Musik kann vielfältige positive Wirkungen auf Menschen mit Tics und Tourette-Syndrom entfalten. Und das muss nicht immer in Zusammenhang mit einer Musiktherapie im engen Sinne stehen. Es kann auch interessant sein, einfach das Mikrofon in die Hand zu nehmen und die eigenen Lieblingslieder zu singen. Beim Karaoke-Abend nach dem Abendessen konnten die Teilnehmer austesten, was der Spaß am Singen für Reaktionen freisetzt. Manchmal verschwinden die Tics dabei komplett. Und das Singen mit Begleitung über ein Profi-Playback, über Mikrofon und Verstärker und etwas bisschen Hall in der Stimme zeigte so manchem Teilnehmer, was so alles in ihm steckt und dass die sogenannten „Superstars“ aus dem Fernsehen gar nicht so unerreichbar sind, wie man vielleicht denkt. Und vor Publikum einen Song darzubieten kann auch ein großer Pluspunkt für das eigene Selbstwertgefühl sein.

Der Cajon- und Rhythmus Workshop

Am Samstag lernte die Gruppe dann die Cajons kennen. Nach einigen Übungen, die die Basics vermitteln konnten, wurde dann der passende Rhythmus für die beiden Strophen des Songs, für den Refrain und die Choreinlage gefunden. Anschließend packte Thorsten Berg seinen großen Koffer mit weiteren rhythmischen Musikinstrumenten aus und jeder Teilnehmer konnte austesten, welches Instrument zu ihm passt.

Üben, bis die Sache passt!

Am späteren Abend konnten die Teilnehmer ihr Programm selbst gestalten. Nach einer imposanten Improvisation aus Gitarre und Violine von Ben Jürgens und Barbara Sadowski entschied sich die Gruppe dazu, den Song über die Karaoke-Anlage weiter zu üben. Hier kam der Vorteil, den Klang der eigenen Stimme über Mikrofon und Lautsprecher selbst hören zu können, voll zum Tragen.

Schwierige Passagen wurden immer wieder aufs Neue wiederholt und der Song ging dann immer besser und runder über die Lippen. Erst gegen Mitternacht war diese Probe (auch aus Rücksichtnahme gegenüber den anderen Bewohnern der Jugendherberge) dann zu Ende.

Die Produktion des Songs

Am Sonntagvormittag sollte der Song dann komplett eingespielt werden. Zunächst wurden die Rhythmusinstrumente aufgezeichnet. Anschließend der Gesang. Hierzu wurden nach ein paar Proben verschiedene „Takes“ eingespielt, die anschließend zum kompletten Song zusammengefügt werden. Dies erfolgt nach dem Musikworkshop im Studio von Mark Schwarzmayr. Der komplette Song wird nach der Fertigstellung an alle Teilnehmer weitergeleitet.

Vorfreude auf das nächste Jahr

Ein gemeinsames Mittagessen stand am Sonntag noch an und dann hieß es unter herzlichen Umarmungen Abschied zu nehmen. Was bleibt sind sehr intensive Erinnerungen und Erfahrungen, teilweise harte Arbeit an einem außergewöhnlichen Song und ein erstaunliches musikalisches Ergebnis. Und die Hoffnung auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr.

Geschrieben von Andreas Mettler


 „Die Koboldperspektive“ – Der Songtext

1. Strophe (aus der Perspektive des Kindes)

Grad erst angekommen,

Lust aufs Leben. Wer bist Du?
Der Startschuss.
Was ist los mit mir?
Dieser Druck, der mich springen lässt wie ein Tier.

Warum hab´ ich das?
Warum mach ich das?
Ich will das nicht!
Ich hasse das!

Meine Eltern schleppen mich zum Doktor,
und noch `nen Doktor,
das kommt sehr oft vor.
Lasst mich in Ruhe!

Ich will doch nur ich selber sein.
Ich könnt innerlich nur noch schreien.
Doch die Kinder in der Nachbarschaft
haben nur noch über mich gelacht.

Mama, Papa ich sag´s in diesem Lied,
auch wenn ihr überfordert seid, ich hab´ Euch lieb.

Refrain (aus der Perspektive des Kobolds)

Das ist die Koboldperspektive.
Das Wesen, das Dir innewohnt.
Der Schuss in die Synapsen,
dein Kopilot.

Die Koboldperspektive,
gleich fällt mir noch was ein.
Du denkst, ich lass Dich jetzt allein,
ich hab noch einen in der Pipeline.

2. Strophe (Aus der Sicht der Eltern)

Oh Kind,
ich kann machen was ich will,
doch Du kasperst nur rum.
wir rennen von Doktor zu Doktor,
doch Du willst gar nicht hin.

Wir können es nicht fassen,
was ist mit Dir los?
Willst Du Dir nicht helfen lassen?
Unsere Sorgen riesengroß.

Doch mit der Zeit
lernen wir mit Dir zu lachen.
Merken, dass es leichter wird,
und es ist zu schaffen.

Wir kennen jetzt den Weg.
Wir sind nicht allein.
So wie Du bist,
so darfst Du sein!

2x Refrain Wiederholung


Das Projekt wird im Rahmen der Förderung der Bundesorganisationen der Selbsthilfe durch den AOK Bundesverband unterstützt.

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Koboldperspektive


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